Flavistische Mauereidechse: Seltene Farbformen bei Podarcis muralis

Die Mauereidechse (Podarcis muralis) ist eine äußerst variable Eidechsenart. Je nach Population und geografischer Herkunft können sich die Tiere in Färbung, Zeichnung und einzelnen Farbmerkmalen deutlich unterscheiden.
Besonders auffällig sind flavistische Mauereidechsen. Diese Tiere besitzen deutlich weniger schwarze Pigmentanteile als normal gefärbte Exemplare und wirken deshalb ungewöhnlich hell. Teilweise kann die dunkle Zeichnung nahezu vollständig fehlen.
Eine besonders interessante Population von Podarcis muralis brongniardii konnten wir im Kraichgau beobachten. Dort treten neben den hellen, flavistischen Mauereidechsen auch sehr dunkle Tiere, sogenannte Schwärzlinge, auf. Damit kommen auf engstem Raum zwei außergewöhnliche Farbformen der Mauereidechse vor.
Was ist eine flavistische Mauereidechse?
Unter einer flavistischen Mauereidechse versteht man eine Mauereidechse mit einer ungewöhnlich hellen Färbung, die durch einen stark reduzierten Schwarzanteil entsteht.

Während normal gefärbte Mauereidechsen eine charakteristische dunkle Zeichnung besitzen, kann diese bei flavistischen Tieren stark abgeschwächt sein oder nahezu vollständig fehlen. Die Tiere erscheinen dadurch häufig hellbraun, beige oder gelblich und können nahezu zeichnungslos wirken.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einer natürlichen Farbvariante und einer eigenständigen Art oder Unterart. Eine flavistische Mauereidechse ist keine eigene Art. Es handelt sich um eine auffällige Ausprägung der natürlichen Farbvariabilität der Mauereidechse.
Eine besondere Population im Kraichgau
Im Frühjahr 2021 wurden wir auf eine Mauereidechsenpopulation im Kraichgau aufmerksam, in der außergewöhnlich gefärbte Tiere vorkommen sollten.
Bereits am ersten Märzwochenende 2021 besuchten wir den Fundort. Bei diesem ersten Versuch konnten wir allerdings noch keine besonders hellen Mauereidechsen entdecken.
Dennoch zeigten sich bereits interessante Farbmerkmale. Einige Tiere der dort vorkommenden Unterart Podarcis muralis brongniardii besaßen auffällig blaue Schuppen an den Oberlippenschilden.

Bei keiner anderen Unterart konnten wir dieses Merkmal bislang beobachten.
Der entscheidende Fund
Zwei Wochen später folgte schließlich die eigentliche Überraschung.
Bei unserem nächsten Besuch entdeckten wir eine Mauereidechse mit einem vollständig fehlenden beziehungsweise extrem reduzierten Schwarzanteil. Das Tier war auffallend hell und nahezu zeichnungslos.
Damit war der erste Nachweis einer flavistischen Mauereidechse an diesem Fundort gelungen.

Bei späteren Besuchen zeigte sich, dass es sich keineswegs um ein einzelnes außergewöhnlich gefärbtes Tier handelte.
Mehrere helle Mauereidechsen auf kleinem Raum
Bei weiteren Untersuchungen konnten wir mehrere flavistische Mauereidechsen beobachten.
Die Tiere leben auf einem relativ kleinen Areal von etwa 20 × 20 Metern. Ein großer Teil der Population hält sich an einer ungefähr 20 Meter langen Mauer auf.

Die Populationsdichte ist dort außergewöhnlich hoch. Unter günstigen Bedingungen konnten wir auf einer Fläche von nur einem Quadratmeter bis zu 20 Mauereidechsen gleichzeitig beobachten.
Eine hohe Dichte von Mauereidechsen ist an optimalen Standorten zwar nicht grundsätzlich ungewöhnlich. Dennoch ist die Konzentration der Tiere an diesem Fundort bemerkenswert.
Warum ist die Mauer für die Mauereidechsen so wichtig?
Mauern bieten Mauereidechsen ideale Lebensbedingungen. Sie können sich auf den sonnenexponierten Steinen aufwärmen und bei Gefahr schnell in Spalten und Hohlräume flüchten.
Der untersuchte Lebensraum befindet sich in einem intensiv gepflegten Weinbaugebiet. Die Rebhänge sind sehr ordentlich und teilweise regelrecht steril. Dadurch stehen den Mauereidechsen außerhalb der vorhandenen Strukturen nur wenige natürliche Versteckmöglichkeiten zur Verfügung.
Die Tiere sind deshalb stark an die vorhandenen Mauern, Hecken und Gebäude gebunden.
Interessant ist außerdem, dass die entsprechenden Strukturen am gesamten Hang bereits von Mauereidechsen besiedelt sind. Dadurch sind zusätzliche Ausbreitungsmöglichkeiten innerhalb des Weinbergs begrenzt.
Der Rebhang ist zudem von Wald umgeben. Eine natürliche Ausbreitung beziehungsweise Abwanderung aus dem bestehenden Lebensraum erscheint dadurch zusätzlich erschwert.
Schwärzlinge: Das dunkle Gegenstück zur flavistischen Mauereidechse
Besonders spannend ist eine weitere Beobachtung an diesem Fundort.

Auf derselben Mauer, auf der die hellen flavistischen Mauereidechsen vorkommen, leben auch Schwärzlinge.
Als Schwärzlinge werden besonders dunkel gefärbte Mauereidechsen bezeichnet. Bei ihnen ist der Schwarzanteil der Färbung besonders stark ausgeprägt. Damit bilden sie gewissermaßen das auffällige Gegenstück zu den sehr hellen flavistischen Tieren.
Schwärzlinge sind auch von anderen Fundorten im Südwesten Deutschlands bekannt.
Das gemeinsame Auftreten von hellen und sehr dunklen Mauereidechsen innerhalb derselben Population macht diesen Bestand deshalb besonders interessant.
Welche Farbformen gibt es bei der Mauereidechse?
Die Färbung der Mauereidechse kann erheblich variieren. Dabei sind nicht alle Farbvarianten scharf voneinander abgegrenzt.
Zu den besonders auffälligen Erscheinungsformen gehören:
Flavistische Mauereidechse
Der Schwarzanteil ist stark reduziert oder fehlt nahezu vollständig. Die Tiere erscheinen dadurch sehr hell und teilweise fast zeichnungslos.

Schwärzling
Bei diesen Mauereidechsen ist der dunkle beziehungsweise schwarze Farbanteil besonders stark ausgeprägt. Die Tiere können dadurch nahezu vollständig dunkel erscheinen.

Mauereidechsen mit blauen Schuppen
Bei der von uns untersuchten Population von Podarcis muralis brongniardii konnten wir bei mehreren Tieren auffällig blaue Schuppen an den Oberlippenschilden beobachten.

Normal gefärbte Mauereidechsen
Neben den auffälligen Farbformen kommen selbstverständlich auch normal gefärbte Tiere vor. Ihre Färbung und Zeichnung entspricht dem für die jeweilige Population typischen Erscheinungsbild.

Farbvarianten oder genetische Besonderheiten?
Die Beobachtung außergewöhnlich gefärbter Mauereidechsen wirft zwangsläufig die Frage auf, wie solche Farbformen entstehen und weshalb sie innerhalb bestimmter Populationen häufiger vorkommen können.
Bei einer einzelnen Beobachtung lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres feststellen, welche genetischen oder umweltbedingten Faktoren für eine bestimmte Färbung verantwortlich sind.
Gerade deshalb sind langfristige Beobachtungen besonders wertvoll. Wenn dieselben Farbformen über mehrere Jahre hinweg wiederholt nachgewiesen werden, ergeben sich interessante Hinweise darauf, dass es sich nicht lediglich um einzelne Zufallsbeobachtungen handelt.
Eine genetische Untersuchung könnte darüber hinaus weitere Erkenntnisse über die Vererbung der unterschiedlichen Färbungen liefern.
Beobachtungen über mehrere Jahre
Der Erstnachweis der besonderen Tiere erfolgte bereits im Sommer 2020.
Im Frühjahr 2023 konnten wir die Population schließlich im dritten Jahr selbst erneut untersuchen. Dabei konnten wir erneut mehrere Schwärzlinge sowie mehrere der hellen, zeichnungslosen beziehungsweise flavistischen Mauereidechsen beobachten.

Dass diese Farbformen über mehrere Jahre hinweg am gleichen Fundort nachgewiesen werden konnten, macht die Population besonders interessant.
Für die weitere Entwicklung stellt sich nun die Frage, ob sich die Häufigkeit der verschiedenen Farbformen verändert oder ob die auffälligen Tiere dauerhaft einen bestimmten Anteil der Population ausmachen.
Warum sind flavistische Mauereidechsen so interessant?
Flavistische Mauereidechsen sind vor allem deshalb faszinierend, weil sie deutlich vom bekannten Erscheinungsbild der Art abweichen.
Für Naturbeobachter und Herpetologen sind solche Tiere außerdem interessant, weil sie die natürliche Variabilität der Mauereidechse sichtbar machen.
Eine Population, in der gleichzeitig normale Mauereidechsen, flavistische Tiere und Schwärzlinge vorkommen, bietet besonders gute Möglichkeiten, die Entwicklung solcher Farbformen über längere Zeit zu dokumentieren.
Dabei sollte allerdings immer berücksichtigt werden, dass eine auffällige Färbung allein noch nichts über die genetische Ursache oder den langfristigen Bestand einer Farbform aussagt.
Fazit: Eine Mauereidechsen-Population voller Farbvarianten
Die Beobachtungen im Kraichgau zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig die Färbung der Mauereidechse (Podarcis muralis) sein kann.
Besonders bemerkenswert ist das gleichzeitige Vorkommen von flavistischen Mauereidechsen und dunklen Schwärzlingen innerhalb einer kleinen Population von Podarcis muralis brongniardii.
Die über mehrere Jahre wiederholten Nachweise machen den Fundort zu einem interessanten Beispiel für die natürliche Farbvariabilität der Mauereidechse.
Ob die flavistischen Mauereidechsen und Schwärzlinge auch langfristig in vergleichbarer Häufigkeit vorkommen werden, bleibt eine spannende Frage. Weitere Beobachtungen in den kommenden Jahren können dazu beitragen, die Entwicklung dieser außergewöhnlichen Population besser zu verstehen.
FAQ: Häufige Fragen zu Farbformen der Mauereidechse
Was ist eine flavistische Mauereidechse?
Eine flavistische Mauereidechse ist eine ungewöhnlich hell gefärbte Mauereidechse, bei der der schwarze beziehungsweise dunkle Pigmentanteil stark reduziert ist oder nahezu fehlt. Dadurch kann die typische Zeichnung der Tiere deutlich abgeschwächt sein.
Sind flavistische Mauereidechsen eine eigene Art?
Nein. Flavistische Mauereidechsen sind keine eigene Art. Es handelt sich um eine besondere Farbvariante innerhalb der Mauereidechse (Podarcis muralis).
Was ist ein Schwärzling bei der Mauereidechse?
Als Schwärzlinge werden besonders dunkel gefärbte Mauereidechsen bezeichnet. Bei diesen Tieren ist der dunkle Farbanteil besonders stark ausgeprägt.
Können flavistische Mauereidechsen und Schwärzlinge in derselben Population vorkommen?
Ja. An dem hier beschriebenen Fundort im Kraichgau konnten sowohl sehr helle flavistische Mauereidechsen als auch dunkle Schwärzlinge innerhalb derselben Population beobachtet werden.
Welche Unterart der Mauereidechse kommt dort vor?
Bei der beschriebenen Population handelt es sich um Podarcis muralis brongniardii, eine Unterart der Mauereidechse, die in Baden-Württemberg seit der letzten Eiszeit vorkommt.

Warum leben so viele Mauereidechsen an einer Mauer?
Mauern bieten Mauereidechsen Sonnenplätze, Spalten und Hohlräume als Verstecke sowie ein günstiges Mikroklima. Besonders strukturreiche und sonnenexponierte Mauern können deshalb sehr hohe Populationsdichten aufweisen. Man findet sie auch oft aber auch weit abseits von Mauern.
Wie selten sind flavistische Mauereidechsen?
Eine allgemeingültige Aussage über die Häufigkeit ist schwierig. Flavistische Tiere sind auffällig und werden an einzelnen Fundorten beobachtet, stellen aber keine eigenständige Art oder Unterart dar. Ihre Häufigkeit kann zwischen Populationen erheblich variieren.

Warum sind Farbformen bei Mauereidechsen interessant?
Farbformen zeigen die natürliche Variabilität der Art. Werden ungewöhnliche Färbungen über mehrere Jahre innerhalb einer Population beobachtet, können solche Bestände besonders interessant für die Erforschung von Farbvariation und möglicher genetischer Vererbung sein.

Quellen:
Lantermann, W. & Lantermann, Y. (2015) – Eine melanistische Mauereidechse (Podarcis muralis) in Heidelberg. – Die Eidechse, Magdeburg/Hamburg, 26 (3): 93-94.
Schäberle, C. & Schäberle, A. (2020) – Eingeborene und Reingeschmeckte – Reptilien Deutschlands. – smartastic Claudia und Andreas Schäberle-Verlag, Simmersfeld. 270 S.
Schäberle, C. & Schäberle, A. (2018) – Der Kaiserstuhl – mediterranes Flair im Südwesten von Deutschland. – TERRARIA/elaphe, 4/2018: 50-53.
Sound, P. (1994) -Fund eines vollmelanistischen Exemplars der Mauereidechse (Podarcis muralis) im Mittelrheintal.- Salamandra, 30 (3): 221-222.
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Unsere Bücher enthalten vor allem viele Beiträge über die Mauereidechsen. Da sie unsere Lieblinge sind.

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