Die zweite natürlich eingewanderte Mauereidechse in Deutschland

Das Inntal bei Kiefersfelden und Oberaudorf kann man vom Weinbergerhaus bei Kufstein sehr gut überblicken. Für uns Eidechsenheinis halten diese beiden südbayerischen Gemeinden eine Besonderheit bereit. Wenn man an die Mauereidechse (Podarcis muralis) in Deutschland denkt, sind vor allem die Vorkommen in Südwestdeutschland bekannt. Doch es gibt noch ein zweites, räumlich weit davon getrenntes natürliches Vorkommen: im bayerischen Inntal bei Kiefersfelden und Oberaudorf.

Dieses kleine Vorkommen ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Es handelt sich um eine autochthone, also ursprünglich natürlich eingewanderte Population, die genetisch nicht zu den Mauereidechsen Südwestdeutschlands gehört.

Mauereidechsen in Oberaudorf und Kiefersfelden
In Bayern ist die natürliche Verbreitung der Mauereidechse auf einen kurzen Abschnitt des Inntals an der Grenze zu Österreich beschränkt. Die einzigen als autochthon eingestuften bayerischen Populationen befinden sich bei Oberaudorf und Kiefersfelden.

Die Tiere gehören zur Südalpen-Linie von Podarcis muralis maculiventris. Damit unterscheiden sie sich genetisch von den natürlichen Mauereidechsenpopulationen in Südwestdeutschland.
Das bayerische Vorkommen stellt ein isoliertes Teilareal innerhalb des deutschen Verbreitungsgebiets der Mauereidechse dar. Es ist außerdem mit den Populationen im österreichischen oberen Inntal verbunden.
Besonders interessant ist die Entstehungsgeschichte dieses Vorkommens: Die bayerischen Mauereidechsen sind kein Ausläufer der südwestdeutschen Populationen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass sie nach der letzten Eiszeit unabhängig über den Alpenraum in das Inntal eingewandert sind.

Vermutlich erfolgte diese nacheiszeitliche Ausbreitung während einer wärmeren Klimaphase über den Reschen- oder Brennerpass. Der Alpenhauptkamm stellt heute eine natürliche Barriere dar und verhindert eine direkte Verbindung zu den weiter nördlich und westlich gelegenen Populationen.
Seit wann gibt es Mauereidechsen in Oberaudorf?

Das Vorkommen bei Oberaudorf ist bereits seit den 1920er-Jahren aus der Literatur bekannt. Damit gehört es zu den am längsten bekannten Mauereidechsenvorkommen Bayerns.

Die Population bei Kiefersfelden wurde dagegen erst im Jahr 2002 entdeckt. Zusammen bilden beide Vorkommen das kleine natürliche Verbreitungsgebiet der Mauereidechse in Bayern.
Die geringe räumliche Ausdehnung macht die Population besonders wertvoll. Gleichzeitig ist sie dadurch empfindlich gegenüber Veränderungen ihres Lebensraums.

Eine andere Mauereidechse als im Südwesten Deutschlands
Die natürlichen Mauereidechsenpopulationen in Südwestdeutschland gehören überwiegend zur Ostfranzösischen Linie (Podarcis muralis brongniardii).

Diese Linie besitzt ein deutlich größeres natürliches Verbreitungsgebiet. Sie kommt unter anderem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Südhessen und im südlichen Nordrhein-Westfalen vor.

Damit unterscheiden sich die beiden natürlichen deutschen Vorkommensschwerpunkte nicht nur geografisch. Auch ihre genetische Herkunft ist unterschiedlich:
- Bayern: Südalpen-Linie von Podarcis muralis maculiventris
- Südwestdeutschland: Ostfranzösische Linie, Podarcis muralis brongniardii
Das macht die bayerischen Mauereidechsen zu einer besonderen Population innerhalb der deutschen Mauereidechsenfauna.

Nicht jede Mauereidechse in Deutschland ist ursprünglich heimisch
Bei der Betrachtung der Verbreitung der Mauereidechse in Deutschland ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jedes heutige Vorkommen ist natürlich entstanden.

In Bayern und anderen Teilen Deutschlands gibt es zahlreiche weitere Mauereidechsenpopulationen, die auf Aussetzungen, Ansiedlungen oder Verschleppungen zurückgehen. Diese Populationen werden als allochthon bezeichnet und sind von den natürlich entstandenen, autochthonen Vorkommen zu unterscheiden.
Neben den wenigen natürlichen Vorkommen haben sich in Deutschland inzwischen mehr als 110 allochthone Mauereidechsen-Populationen etabliert. Die bislang veröffentlichten Zahlen stammen allerdings aus unterschiedlichen Erhebungsjahren; eine exakt aktuelle bundesweite Zahl liegt nicht vor.
Die Populationen bei Oberaudorf und Kiefersfelden nehmen deshalb eine besondere Stellung ein. Sie gehören zu den wenigen deutschen Mauereidechsenbeständen, deren Vorkommen auf eine natürliche nacheiszeitliche Einwanderung zurückgeführt wird.
Vom Aussterben bedroht
Trotz ihrer besonderen Bedeutung ist das natürliche bayerische Vorkommen sehr klein. Die Mauereidechse steht in Bayern auf der Roten Liste in der Kategorie 1 – „vom Aussterben bedroht“.
Der Schutz der natürlichen Populationen bei Oberaudorf und Kiefersfelden ist deshalb von besonderer Bedeutung. Entscheidend ist vor allem der Erhalt geeigneter Lebensräume mit sonnigen, strukturreichen und möglichst störungsarmen Bereichen, in denen die wärmeliebende Mauereidechse geeignete Versteck-, Sonnen- und Fortpflanzungsplätze findet.

Ein kleines, aber außergewöhnliches Vorkommen
Die Mauereidechsen im bayerischen Inntal sind damit weit mehr als eine isolierte Randpopulation. Ihre Geschichte erzählt von der nacheiszeitlichen Ausbreitung einer wärmeliebenden Reptilienart und von einer eigenständigen Einwanderung über die Alpen.
Oberaudorf und Kiefersfelden markieren heute das einzige natürliche Verbreitungsgebiet der Mauereidechse in Bayern. Gleichzeitig bilden sie einen wichtigen Teil der natürlichen deutschen Mauereidechsenfauna – und zeigen, dass es neben den bekannten Populationen Südwestdeutschlands ein zweites, genetisch eigenständiges Vorkommen gibt

Quelle:
Franzen, M. (2016): Die Mauereidechse (Podarcis muralis) in Kiefersfelden (Oberbayern), Zeitschrift für Feldherpetologie 23: 221–232
Lehrs, P. (1928): Lacerta muralis muralis in Oberbayern nachgewiesen. – Verhandlungen der deutschenzoologischen Gesellschaft e.V. anläßlich der 32. Jahresversammlung 1928: 266–267
Viele weitere interessante Artikel über die Mauereidechsen in Deutschland findet ihr in unserem Blog. Die derzeit vermutlich größte fotografische Dokumentation vieler unterschiedlicher allochthoner Mauereidechsenvorkommen findet ihr in unserem Buch über die einheimischen Reptilien.




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